Greenpeace hält Strom aus der Wüste für machbar

Desertec-Projekt spaltet die Gemüter. Gleichermaßen Lob und Kritik aus dem Lager Solarbefürworter.

Mit einem Mix aus Sonne- und Windenergie könnte die Sahara ganz Europa und Nordafrika mit Strom versorgen. Oder auch die ganze Welt, so die Desertec-Vision.

Greenpeace hat sich in einer jetzt vorgelegten Studie für Solarstrom aus der Wüste ausgesprochen und unterstützt das von der Münchener Rück vorgestellte 400-Milliarden-Projekt Desertec zur Belieferung deutscher Haushalte mit Solarstrom aus der Wüste.

Ein kleiner Zipfel der Sahara oder anderer Wüsten würde reichen, um Deutschland komplett mit Solarstrom zu versorgen, für die Versorgung der gesamten Weltbevölkerung müssten es schon wesentlich mehr Solarthermiespiegel sein, aber auch die Fläche ginge in der Sahara unter. Hinzu käme, dass sich über die Solaranlagen auch Süß- aus Salzwasser gewinnen ließe, was wiederum den Ländern in der Region nutzen würde.

Das Projekt stößt aber nicht nur auf Begeisterung, sondern auch auf Kritik, selbst von ausgesprochenen Solarbefürwortern. Eines der Hauptargumente dagegen ist, dass die Wüstenländer politisch instabil sind und die Gefahr groß sei, dass die Leitungen von Terroristen gekappt werden könnten. Um den Strom nahezu verlustfrei nach Europa zu schaffen, schweben Greenpeace übrigens Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetze (HGÜs) vor.

SPD-Bundesvorstand Hermann Scheer, Präsident von Eurosolar, zum Beispiel fragte Ende Juni 2009 "Warum in die Ferne schweifen?" und warnt vor hohen Kosten und voreiligen Investitionen.

Manche Solarbefürworter sehen schon die Stromvergütung und die Idee der dezentralen Stromversorgung gefährdet. Deutschland ist mit nach konservativen Schätzungen 2.000 Megawatt neu installierter Leistung in diesem Jahr immer noch mit Abstand der größte Markt für Photovoltaik. Auf Platz zwei und drei folgen mit jeweils 400 MW Japan und Italien. China, das Deutschland als führender Exporteur abgehängt hat, wird 2009 voraussichtlich nur 80 MW an neu installierter Leitung aufweisen.

Anders als die Kollegen von E.on und RWE, die eine mögliche Beteiligung prüfen wollen, hat Vattenfall-Chef Lars Josefsson sich gegen Desertec ausgesprochen. Er plädiert vielmehr für einen Ausbau der Kohlekraft in Deutschland und will diese auch durch höhere Energiekosten finanziert sehen. Das war allerdings vor dem neuen Störfall in dem von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerk Krümmel, der dem Desertec-Projekt und der gesamten Öko-Branche Auftrieb verleihen könnte.

Hauptkritik: Ökostrom bremst Deutschland aus. Solarstrom wird immer günstiger, ist aber noch weit von der Netzparität entfernt. Atom- oder Kohlestrom ist einfach wesentlich billiger.

Eine Photovoltaikanlage kostet heute inklusive Nebenkosten nur noch etwas 3.200 Euro pro Kilowatt, 30 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Betreiber, viele davon private Häuserbesitzer oder Landwirte, nutzen den Strom zum großen Teil nicht ein, sondern bekommen eine auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung über dem normalen Tarif, womit ihnen jährliche Renditen im zweistelligen Bereich verheißt.

Das erklärt die wachsende Nachfrage, die schwer einzuschätzen ist. Anne Kreutzmann vom Branchenmagazin "Photon" kann sich laut einem Bericht in "Der Spiegel" vorstellen, dass 2009 in Deutschland nicht 2.000, sondern sogar 3.000 Megawatt an installierter Leistung neu hinzukommen.

War Umweltminister Sigmar Gabriel vor kurzem noch davon ausgegangen, dass 2020 in Deutschland eine Solarleistung von 17.900 Megawatt installiert sein wird, rechnet der europäische Branchenverband EPIA schon 2013 mit 17.000 bis 21.000 Megawatt installierter Solarleistung in Deutschland. Das wäre mehr als das Dreifache von 2008. Sollte, wie Desertec-Begeisterte sagen, Solarstrom aus der Sahara schon früher fließen, wäre es sogar noch mehr.

Aber die Crux ist, dass auch der Wüstenstrom noch auf Jahre teurer sein wird als herkömmlicher. Der Bundesverband Solarwirtschaft hat die Rechnung aufgemacht, dass Solarstrom den Durchschnittshaushalt 2014 mit "maximal 2,14 Euro" pro Jahr zusätzlich belasten würde. Dabei ist der Verband aber nur von einem jährlichen Solarzubau von 700 Megawatt ausgegangen. Wenn es 2009 schon 2.000 oder 3.000 MW sind oder laut EPIA 3.000 MW in fünf Jahren, wird die jährliche Mehrbelastung wesentlich höher ausfallen als die 2,14 Euro pro Haushalt und Jahr.

Experten sprechen wegen der hohen, auf 20 Jahre angelegten Einspeisevergütung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz schon von "Solarschulden" und beziffern diese auf zig Milliarden Euro. Die Sorge in der Wirtschaft ist, dass nicht nur auf die Haushalte hohe Mehrbelastungen zukommen werden, sondern auch auf die Industrie mit der Konsequenz, dass diese sich andere, günstigere Standorte in Europa oder Übersee sucht und das Heer der Arbeitslosen sich noch verstärken wird.

Greenpeace weiß um die Sorgen, geht aber davon aus, dass das Desertec-Projekt für Hunderttausende von neuen Arbeitsplätzen sorgen wird. In der von den Umweltschützern vorgelegten Studie heißt es: "Bis 2050 können Solarkraftwerke (circa 10.000 Stück) mit einer Gesamtkapazität von 1.500 Gigawatt installierter Leistung bis zu 7.800 Terrawattstunden Strom produzieren. Zum Vergleich: In 2007 haben alle 439 Atomkraftwerke der Welt 2,600 Terrawattstunden Strom produziert, was einem Anteil von 14 Prozent der Gesamtproduktion dieses Jahres entsprach."

Und weiter: "Mit solarthermischen Kraftwerken können bis 2050 4,7 Milliarden Tonnen klimaschädliches Kohlenstoffdioxid vermieden werden. Diese Einsparung entspräche dem sechsfachen Volumen des derzeitigen CO2 - Ausstoßes in Deutschland. Auch für die Weltwirtschaft wäre die Technologie ein Konjunkturmotor: Jährlich könnten durch die grüne Industrie 15 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen ausgelöst und damit bis 2050 über 2 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden. Bereits 2020 kann die Zahl der Arbeitskräfte auf über 200.000 steigen. Diese Zahlen beziehen sich auf den Bau und den Betrieb der Anlagen."

Quelle: ChannelPartner





Veröffentlicht am:
19:25:48 15.07.2009 von CMS Administrator